Planlose Marktwirtschaft

In Johannisthal Süd gibt’s nichts mehr zu kaufen – zumindest keine Lebens­mittel mehr. Der REWE am Sterndamm 140, einziger Supermarkt im Kiez, mach­te im Juli 2025 dicht. ALDI wollte dort temporär einziehen, solang ihre Filiale in der Winckelmannstraße renoviert wird, doch passiert ist bisher nichts. Die feh­lende Versorgung trifft vor allem Ältere. Um auf das Problem aufmerksam zu ma­chen, lud die „Bürgerinitiative Johannist­hal“ zum Gespräch. Das Interesse war groß: ungefähr hundert Anwohner ka­men am 8. November 2025 ins Rathaus Johannisthal. Sie wollten Antworten von Politik und Wirtschaft, wann und wie die Versorgung sichergestellt wird. Doch vor Ort hatten die Bezirks-Baustadträtin Dr. Claudia Leistner von den Grünen und Nils Busch-Petersen für den Handelsverband Berlin-Brandenburg keine Lösung parat. Letzterer benannte gleich zu Beginn das Problem: Man stoße an die Grenzen der Planungsmöglichkeiten in einer markt­wirtschaftlich organisierten Gesellschaft. Leistner sagte, man könne ALDI nicht zwingen, da ihnen das Grundstück gehöre, und wenig zu machen sei, wenn sie dort keinen Markt eröffnen. Wenn der Discoun­ter aus dem Gebäude wieder auszieht, wolle man sich bemühen, den Standort für Einzelhandelsgeschäfte der Nahver­sorgung zu sichern. Diesen Nebel bietet nur unsere Marktwirtschaft. Eine Frau aus dem Publikum beschwert sich, dass es ALDI nicht um die Versorgung gehe, son­dern nur um Wirtschaftlichkeit. Eine ältere Frau antwortet: „Was erwarten Sie von ei­nem kapitalistischen Unternehmen?“ Am Ende resümiert ein Mann: „Alle haben ihr Bestes gegeben, aber seit einem halben Jahr haben die Leute in Johannisthal Süd keine Lösung!“. Es folgte lauter Applaus.

Wie könnte es anders gehen? Teilneh­mer im Raum erinnern an die DDR, denn da wurde so geplant, dass die nächste Kaufhalle in der Stadt maximal zehn Geh­minuten entfernt liegt. Ein anderer Impuls verweist auf New York. Dort sollen kom­munale Supermärkte entstehen – nicht profitorientierte. Hier und heute bleibt die Versorgung der Bevölkerung aber abhän­gig von Profiten, die ALDI sich in Johan­nisthal verspricht. Das sind die wahren Grenzen der „Planung in einer marktwirt­schaftlich organisierten Gesellschaft“.

Gruppe Treptow-Köpenick