Mit Sicherheit zu kalt

Berlins falsche Prioritäten

Mehr als 50.000 Menschen leben in Berlin ohne eigene Wohnung, ca. 6000 sogar ganz ohne Unterkunft auf der Straße. Gleichzeitig stellt das Land Berlin der Kältehilfe selbst in der Hochphase nur rund 1100 Notübernachtungsplätze zur Verfügung. Diese Zahl steht in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Bedarf. Viele Betroffene finden Nacht für Nacht keinen Platz – trotz Minusgraden und der bekannten Risiken von Erfrierungen, Krankheit und Tod. Statt diese Unterversorgung offensiv zu beheben, verhindert der CDU/SPD-Senat die Freigabe der Berliner Fern- und Nahverkehr als temporäre Schutzräume. Offiziell wird auf Sicherheits- und Hygienefragen verwiesen. Faktisch bedeutet diese Politik jedoch Verdrängung: Menschen werden ohne eine reale Alternative von warmen, geschützten Räumen ferngehalten. Bahnhöfe bleiben beleuchtet und beheizt – aber nicht für diejenigen, die dort Schutz vor der Kälte brauchen.

Parallel dazu treibt der Senat eine Debatte über „Sicherheit an Bahnhöfen“ voran, mit dem öffentlichen Fokus auf Waffen- und Messerverbote, verstärkte Kontrollen und Polizeipräsenz. Das mag als Antwort auf einzelne Gewalttaten erscheinen, lenkt aber zugleich vom eigentlichen Problem ab: der massiven sozialen Not in dieser Stadt. Obdachlose Menschen werden mit dieser Debatte nicht als Opfer von Wohnungsnot und Armut wahrgenommen, sondern als Teil eines vermeintlichen Sicherheitsrisikos. Diese Verschiebung ist politisch gewollt. Wer über „notwendige Ordnung“ spricht, kann bei explodierenden Mieten, fehlendem sozialen Wohnungsbau und jahrelangem Sozialkahlschlag reden. Bahnhöfe sollen „sauber“ und „sicher“ wirken – selbst wenn das bedeutet, dass bedürftige Menschen im Winter draußen frieren müssen. Dabei schläft natürlich niemand freiwillig bei Frost auf der Straße. Notwendig sind sofort deutlich mehr Kältehilfeplätze, die Öffnung öffentlicher Gebäude und Bahnhöfe als Schutzräume in Extremlagen und langfristig ein radikaler Kurswechsel in der Wohnungspolitik. Wohnen ist ein Grundrecht – soziale Sicherheit entsteht durch Solidarität, nicht durch Verdrängung und Polizei.

Gruppe: BuG Bahn