Der Abriss des Ostens
Geschichtsklitterung in der Architektur – weil nicht sein kann was nicht sein darf
Von Stefan Natke
Mit Geschichtsklitterung in der Architektur sind all die Dinge und Bauten gemeint, die an die Existenz der DDR erinnern und nach konterrevolutionären Geschichtsverständnis ausgemerzt gehören. Den früheren „Palast der Republik“ hat man unter großem Aufwand in nur 2 Jahren dem Erdboden gleich gemacht. Er beherbergte die Volkskammer, das Parlament der DDR und war Austragungsort für Kongresse, internationale Musik- und Filmfestivals und zahlreiche Kulturveranstaltungen. Heiraten konnte das Volk der Republik dort auch.
Das „Ahornblatt“, eine Großgaststätte in Blattform gebaut auf der Berliner Fischerinsel, war Ausdruck moderner Architektur in der Hauptstadt und wurde 2000 abgerissen, obwohl es unter Denkmalschutz stand. Andere Komplexbauten, wie z.B. das SEZ an der ehemaligen Leninallee, das in der DDR unter der Prämisse entstanden ist, dass Architektur dem Volk dienlich sein muss, werden solange dem Leerstand preisgegeben, bis der Abriss mit ihrem Verfall begründet werden kann. Arnold Schölzel nannte es treffenderweise „den Fortschritt ausradieren” (s. UZ vom 12.12.2025).
Konsequente Eliminierung ist das Ansinnen des antikommunistischen Bildersturms, der seit dem Anschluss der DDR 1990 immer wieder zur Vernichtung moderner (weil sozialer), vor allem aber wichtiger Kulturbauten geführt hat.
Die Festlegung im Einigungsvertrag, dass „die kulturelle Substanz“ der DDR erhalten bleiben solle, ist das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben steht. Immer noch und immer wieder dient die Herkunft aus der DDR als hinreichendes Argument, wenn es heute darum geht, letzte sichtbare Erinnerungen an ein sozialeres System verschwinden zu lassen, auszuradieren, aus dem kollektiven Gedächtnis auszulöschen. Das bekannteste Beispiel architektonischer Ausradierung ist der „Palast der Republik“, inzwischen durch ein Gebäudemonster ersetzt: Drei Seiten Kopie des Hohenzollern-Schlosses, eine Betonfassade in Richtung Osten wie aus faschistischen Bauzeiten, an der Kuppel ein biblisches Drohzitat gegen Nichtchristen, im Innern vor allem Raubkunst aus deutschen Kolonien – ein zur neuen Kriegstüchtigkeit passender Klotz.
Neueres Beispiel der systematischen Liquidierung von Symbolbauten stellt das SEZ, von dem so gut wie nichts stehen bleiben soll. In einer Petition gegen den Abriss von der Berliner Initiative „Gemeingut in BürgerInnenhand“ (GiB) ist über die Zeit nach 1990 zu lesen: „Nach dem Anschluss ließen die Berliner Bürgermeister Walter Momper und Eberhard Diepgen das SEZ verfallen, und der Finanzsenator Thilo Sarrazin verschenkte es schließlich für einen Euro.“ Der mit dem SEZ beschenkte „Investor“ hatte weder Kapital noch Interesse. Erst im Jahr 2023 konnte der Senat die „Privatisierung“ beim Bundesgerichtshof rückgängig machen.
Die ehemals aus Volkseigentum erschaffenen Wohngebiete, wohl durchdacht, für Menschen, nicht für Profitmaximierung geplant, mit großzügig angelegten Grünanlagen und Möglichkeiten für Freizeit und Erholung, werden von baulicher Verdichtung heimgesucht, bei der Grünanlagen und Kinderspielplätze weichen müssen. Beispiele dafür gibt es nicht nur in Pankow, wo östlich der Ossietzkystraße, mitten im Wohngebiet ein Kinderspielplatz vernichtet und über ein Dutzend alter Bäume gefällt werden sollen, weil die GESOBAU dort angeblich ein Flüchtlingsheim errichten will. Politisch wird damit in die Trickkiste gegriffen: Denn die Anwohner, die sich gegen diese bauliche Verdichtung und die Vernichtung der Grünanlagen wehren, können so sehr bequem als Gegner von Flüchtlingsunterkünften hingestellt werden. Auch in Marzahn,
