09.01.2026, Was bedeutet eine multipolare Weltordnung im Kampf gegen den Imperialismus?

Am Vorabend der Rosa-Luxemburg-Konferenz sind im Theater Ost in Berlin auf Einladung der DKP Vertreter der Botschaften Chinas, Kubas, Venezuelas und Vietnams zusammengekommen. Sie diskutierten über Tendenzen hin zu einer multipolaren Weltordnung und deren Bedeutung für den Kampf gegen Imperialismus. Gemeinsam erörterten sie Möglichkeiten und Grenzen dieser aktuellen Entwicklung.

Patrik Köbele, Vorsitzender der DKP, eröffnete die Veranstaltung mit einer scharfen Verurteilung des US-Angriffs auf Venezuela und des Schweigens der Bundesregierung dazu. Die Bombardierung von Caracas und die Entführung des legitimen Präsidenten Nicolás Maduro machten deutlich, wie gefährlich der Imperialismus sein könne, wenn er in die Ecke gedrängt werde. Deswegen war es besonders wichtig, dass Venezuelas Gesandter-Botschaftsrat Martín Saatdjian einleitend einen Beitrag zur Situation in seinem Heimatland halten konnte. Er nannte die imperialistischen Aggressionen und Drohungen einen „Ausdruck des räuberischen Charakters des Kapitalismus“. Eine multipolare Weltordnung sei dagegen schon immer ein zentraler Pfeiler des Chavismo gewesen, weil sie der imperialistischen Politik Grenzen setzen könne. Die Teilnehmer antworteten mit „Hoch die internationale Solidarität!“

Zur Eröffnung der Podiumsdiskussion fasste Matthew Read, Mitglied der Internationalen Kommission der DKP, als Moderator die Position der DKP zusammen. Anknüpfend an die Diskussion auf dem 25. Parteitag bezeichnete er die Tendenz zu einer multipolaren Weltordnung als eine neue Etappe innerhalb der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus: „Die inneren Widersprüche des Kapitalismus, seine allgemeine Krise, haben sich derart vertieft, dass ein Hegemonieverlust der imperialistischen Länder im globalen Maßstab droht.“ Diese Dynamik allein reiche zwar nicht aus, um den Imperialismus zu überwinden, aber sie könne die Bedingungen im Kampf für den Sozialismus verbessern, indem sie den Aktionsradius der imperialistischen Politik einschränke.

Professor Dang Hoang Linh, Gesandter-Botschaftsrat der Sozialistischen Republik Vietnam, sieht „hegemoniale Bestrebungen“ als eine der größten Gefahren in der heutigen Welt. Die Entwicklung hin zu Multipolarität sei eine notwendige Gegentendenz. Linh betonte, dass das System der Vereinten Nationen nach immensem Blutvergießen und politischen Anstrengungen aufgebaut worden sei. Es sei dringend nötig, diese Institution vor Angriffen zu schützen und den Multilateralismus voranzutreiben. Hegemoniale Politik werde nicht nur durch militärische Interventionen erreicht, sondern auch durch die Kontrolle von Technologie, Kapital und Ideologie mit dem Ziel, Institutionen und staatliche Ordnungen zu etablieren, die anderen Ländern untergeordnet sind. Linh erläuterte auch die Probleme, die von westlichen Ländern verhängte Sanktionen verursachen. Das BRICS-Bündnis spiele eine wichtige Rolle dagegen, weil es Abhängigkeiten abschwäche und Räume für neue Ansätze in der Außenpolitik, Wirtschaftspolitik sowie beim Technologie- und Wissenstransfer eröffne. „Egal wie groß oder klein ein Staat ist, er muss auf der Weltbühne das Recht auf Mitbestimmung haben.“

Für Sun Shouliang, Gesandter-Botschaftsrat der VR China, ist die Entwicklung weg von US-dominierter Unipolarität hin zu einer multipolaren Weltordnung die „vorherrschende Tendenz in der heutigen Welt“. Fortschritte in einigen Ländern des Globalen Südens hätten maßgeblich dazu beigetragen, hegemoniale Ansprüche in Frage zu stellen. Nach seiner historischen Erfahrung als Halbkolonie der Westmächte lege das chinesische Volk viel Wert auf Prinzipien der Nichteinmischung und des gegenseitigen Nutzens in der Außenpolitik. Aus den immensen Opfern der So­wjet­union und Chinas im antifaschistischen Kampf des Zweiten Weltkriegs zog er die historische Lehre, dass Multilateralismus und die Demokratisierung internationaler Beziehungen nötig seien, um Frieden zu erhalten. Chinas Neue Seidenstraße sieht Sun deshalb als ein Friedensprojekt. Durch das Vorantreiben der wirtschaftlichen Entwicklung und den Ausbau von Handelsinfrastruktur zwischen Ländern des Globalen Südens sei es möglich, die „wirklichen Feinde der Menschheit, nämlich Hunger, Klimakollaps und Armut“, zu bekämpfen.

Für das unter US-Blockade stehende Kuba sei die Aussicht auf eine multipolare Weltordnung von großer Bedeutung, erklärte Professor Miguel Torres, Stellvertretender Botschafter der Republik Kuba. Multilateralismus sei für Kuba der einzige Weg, um die Blockade zu durchbrechen. Der neue Status als BRICS-Partnerland biete der Insel mehr Möglichkeiten für intensivierte Zusammenarbeit von gegenseitigem Nutzen.

Angesichts der zunehmenden Aggressivität der NATO-Länder spielte die Frage der aktuellen Kriegsgefahr eine große Rolle in der Diskussion mit dem Publikum. Laut Read werde die Welt durch den Kampf um Multilateralismus nicht automatisch friedlicher, weil „sowohl der Weg dahin als auch eine multipolare Weltordnung selbst viele Widersprüche und Konflikte mit dem Imperialismus beinhalten“. Da der Imperialismus Kriege zwangsläufig hervorbringe, könne er zum Frieden nur gezwungen werden. Auf die Frage, wie das zu verwirklichen sei, antwortete Torres, Kubas stärkste Waffe im Kampf für den Frieden sei das eigene Volk. Er nannte das Recht auf Frieden „das wichtigste Menschenrecht“. In dieser Hinsicht bleibe die UNO, trotz all ihrer Defizite, eine wichtige Institution, in der alle Länder unabhängig von ihrer Größe und Macht die Probleme der Menschheit angehen könnten. Der Friedenskampf sei nur mit „guten Freunden wie China und Kuba“ zu gewinnen, erklärte Linh. Genauso wie zu der Zeit von Vietnams nationalem Befreiungskampf sei „die internationale Solidarität von entscheidender Bedeutung“. Diese Praxis müsse belebt und gestärkt werden.

Sun Shouliang kritisierte diejenigen, die andere Länder als Rivalen oder Feinde bezeichneten. China werde niemals nach Hegemonie oder Einflusssphären streben. Es suche Zusammenarbeit und Entwicklung. Initiativen wie die Neue Seidenstraße seien darauf gerichtet, China und seine Partnerländer zu ermächtigen, selbst über ihre eigenen Ressourcen zu entscheiden. Die aktuelle US-Strategie setze hingegen militärische Gewalt ein, um sich die Ressourcen anderer Länder anzueignen. Obwohl solche Überfälle militärische Stärke demonstrierten, wiesen sie auf eine langfristige Schwäche hin. Sie seien ein Zeichen des Niedergangs. Ein Hegemon im Niedergang werde mit aller Kraft versuchen, seine Vormachtstellung aufrecht zu erhalten.

Die Diskussion dreier Genossen aus Ländern, die den Sozialismus aufbauen, prägte den Abend. Wer befürchtet hatte, diplomatische Zurückhaltung bestimme die Diskussion, wurde angenehm überrascht.

 

Die gesamte Veranstaltung ist als Video auf dem Youtube Account von der UZ erschienen.